Reportage und Video mit Johanna

6. Feb 2016 | von | Kategorie: Allgemein

Mal wieder wollte ein Sportredakteur der Wetzlarer Neuen Zeitung am eigenen Körper erfahren, dass Kegeln Leistungssport ist. Kurz nach der Saison und vor Beginn der Meisterschaften traf sich Tim Straßheim mit unserer scheidenden Welt- und Deutschen Meisterin Johanna Theiß. Heraus kam eine tolle Reportage, ein Video und der obligatorische Muskelkater bei unserem Schreiberling.

Lernen von der Weltmeisterin

KEGELN Johanna Theiß hilft nach

WETZLAR „Tschüß, ich gehe zum Kegeln“. In der Sportredaktion spitzen sie die Ohren. „Viel Spaß. Der Muskelkater kommt bestimmt“, ruft mir ein Kollege zu. „Warum sollte ich sowas bekommen?“, frage ich mich noch. Knapp zwei Stunden später habe ich die (bittere) Antwort.

Doch der Reihe nach: Pünktlich um 18 Uhr betrete ich die Kegelsportanlage Hermannstein. Johanna Theiß vom KSV Wetzlar ist bereits da und wartet auf mich. Die 19-Jährige trainiert mich heute. Ich möchte sehen, was ich mit der Kugel drauf habe – ein Selbstversuch.

Johanna Theiß mit Tim Straßheim

Ungleiches Duell in Wetzlar-Hermannstein: Tim Straßheim, Sportredakteur dieser Zeitung, bekommt von Weltmeisterin Johanna Theiß (r., KSV Wetzlar) Nachhilfe im Kegeln. (Foto: D. Weber)

Noch kurz umziehen, dann geht es los. Der erste Wurf von mir scheint (für mich) okay zu sein. Drei Kegel bleiben stehen. Erwartungsvoll schaue ich Johanna an. „Jetzt hast du aber mehr als drei Schritte beim Anlauf gemacht“, sagt sie zu mir. „Ach, darf ich das nicht?“, entgegne ich ihr. Sie verneint es mit einem Lächeln. Johanna Theiß, weiß wovon sie spricht. Es gibt fast keinen Titel, den sie noch nicht gewonnen hat. Hessenmeister, Deutscher Meister, Weltmeister – egal, ob im Einzel, mit der Mannschaft, im Tandem, Mixed oder Doppel: Die Naunheimerin ist das Aushängeschild des KSV Wetzlar. Die Weltmeisterschaften der U 24 im belgischen Kelmis sind ihr nächstes großes Ziel. 24 Mädels stehen zur Auswahl, lediglich sechs können mitfahren. „Ich denke, dass ich gute Chancen habe, dabei zu sein“, sagt Theiß.

2008 kam sie zum Kegeln. Eigentlich nur, um ihre Brüder Tobias und Niklas zu begleiten – dem Verein treu geblieben ist aber die Schülerin der Theodor-Heuss-Schule, an der sie gerade ihr Abitur macht. Trainerin Bettina Janson nahm sie unter ihre Fittiche. „Es hat aber ein paar Jahre gedauert, bis die Erfolge kamen“, muss das heutige Ausnahmetalent schmunzeln.

Es dauert, bis sich mein Training bezahlt macht – nach 35 Würfen heißt es „alle Neune“

Es dauert auch bei mir, bis sich das Training mit der Blondine bezahlt macht. Nach 35 Würfen räume ich (endlich) mal „alle Neune“ ab. Und dies, obwohl ich bei der mittlerweile richtigen Schrittfolge ab und an immer noch einen kleinen Sprung mache. „Das habe ich vom Handball“, erkläre ich Johanna Theiß, die dennoch etwas ungläubig schaut. Dennoch passt der Anlauf jetzt. Rechts, links, rechts – mit etwas Konzentration bekomme ich es hin. Bleibt nur meine Handbewegung. Das größte Hindernis an diesem Abend. Ich bitte sie, es mir einmal vorzumachen. Gesagt, getan: Trocken räumt Theiß die Kegel locker ab. In einer Dynamik, mit der ich nicht gerechnet hätte. „Halte den Arm gerade“, ruft sie mir immer wieder zu. Es klappt – manchmal zumindest. Wurf 41, mal wieder schaffe ich „Alle Neune“, wenig später folgt ein „Kranz.“ – es geht doch!

„Welche Liga könnte ich denn spielen?“, frage ich sie augenzwinkernd. Antwort der 19-Jährigen: „Vielleicht A-Liga.“ War das jetzt ein Lob? Zumindest weiß ich: Zu einem Duell mit Johanna Theiß würde es wohl nie kommen. Zu gut ist die Naunheimerin. Selbst bei den Herren in der Verbandsliga half sie schon aus – und schaffte das beste Ergebnis. „Da wird auch schon mit viel Kraft gespielt“, erklärt sie. Verstecken braucht sie sich aber sicherlich nicht. 2012 wurde sie mit ihrem Vereinskameraden Felix Janson in Luxemburg Weltmeister im Mixed der U 18, kurz vorher ist ihr dieses Kunststück bereits im Tandem mit Hannah Siebert (Neunkirchen/Saar) gelungen. „Das waren ganz besondere Titel für mich“, sagt Theiß heute. Was sie da nicht ahnte: Ihre ganz persönliche Sternstunde sollte 2014 im Einzel noch kommen: Erneut holt sie sich den Weltmeistertitel bei der U 18, diesesmal mit Weltrekord (884 Holz). „Diese Zahl wird wohl noch ewig stehen bleiben“, mutmaßt der 1. Vorsitzende des Vereins, Jochen Janson.

Von einem Rekord bin ich dagegen noch weit entfernt. So langsam lässt bei mir die Konzentration nach. Tapfer muntert mich Johanna immer wieder auf, gibt mir noch einmal Tipps, aber eine wesentliche Verbesserung tritt nicht mehr ein. Längst spüre ich in meinem rechten Oberschenkel ein Ziehen, der Muskelkater kündigt sich an. „Jetzt schon?“, kann sich Janson ein Grinsen nicht verkneifen. Egal, ich brauche eine Pause. Johanna übernimmt für mich. Ich traue meinen Augen nicht: Immer wieder räumt sie die Kegel ab, als sei es das Normalste auf der Welt. Fünfmal, sechsmal. Irgendwann höre ich auf zu zählen. So langsam kann ich erahnen, warum Johanna Theiß zu den größten Talenten in Deutschland gehört. Ein Talent, auf das der KSV Wetzlar in Zukunft verzichten muss. Denn Theiß zieht es ins Saarland. Genauer gesagt nach Saarbrücken. Dort wohnt ihr Freund, dort wird sie Physiotherapie studieren. Freuen darf sich der KSC Dilsburg. Hier wird die zukünftige Studentin ab Sommer kegeln. „Ich gehe natürlich mit einem weinenden Auge. Aber ich freue mich auch auf das, was vor mir liegt“, erklärt Theiß.

Aber nicht nur die Zeit der Blondine läuft bei den Domstädtern ab, auch ich bin in Hermannstein fast am Ende. Die letzten Würfe, einmal schaffe ich es sogar noch, alle Kegel abzuräumen. Leider hat meine Lehrmeisterin genau diese Aktion nicht gesehen. Bevor ich mich von der jungen Frau verabschiede, hält sie noch ein Plädoyer für ihre große Leidenschaft: „Kegeln hätte mehr Beachtung in der Öffentlichkeit verdient. Viele lachen, wenn ich erzähle, dass ich Leistungssport betreibe und dann vom Kegeln rede.“ Worte, die ich nur unterstreichen kann. Spaß hat es gemacht, aber anstrengend war es auch. Ach, ja, und der Muskelkater kam – wie von den Kollegen angekündigt – auch. Aber nicht am nächsten Tag. Sondern schon am gleichen Abend.

 

WNZ vom 05.02.2016 – von Tim Straßheim – Lokalsport

Das Video findet ihr auf www.mittelhessen.de

WNZ 5.2.2016

WNZ 5.2.2016